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Attraktive Angebote zum Meditationsweg finden Sie auf der Website der Ammergauer Alpen

An diesem Ort wohnt das Glück, hier kommt das Herz zur Ruhe.

Im Gebirge zu leben – das war und ist sicherlich für viele Stadt- und Flachlandbewohner ein Traum. Ein Traum mit mancherlei Facetten. Darin hinein verwoben waren für viele „Nordlichter“, etwa den in Oberammergau urlaubenden Lübecker Thomas Mann, Vorstellungen von Bayern als einem – ob seiner Lebens­freude – halben Italien. Und wenn 1880 Ludwig Ganghofer mit seinem Bestseller „Der Herrgottschnitzer von ­Ammergau“ deutschlandweit bis hin zum Berliner Kaiserhof enthusiastisches Interesse für die Ammergauer Alpen und ihren Menschenschlag weckte, schwangen darin Ideen mit von einem dort durch Tradition und Natur­nähe glücklicheren, kreatürlicheren wie ­kreativeren Leben.

Ins Gebirge, in die Ammergauer Alpen, ­laden nun die Gemeinden der Region ein zu medi­tativen Wanderungen und bieten mehr als touristische Sehenswürdigkeiten an: Wege, die zu geistigen, seelischen Impulsen ­werden sollen. Irritierend mag das zunächst für den sein, der Voralpen und Hochland auf ein krachledernes Bayerntum oder einen Fun-Park für diverse Sportarten reduziert und spirituelle Anregungen eher in indischen Ashrams oder indianischen Schwitzhütten vermutet. Vielleicht werden sich aber diejenigen auf das Angebot einlassen, die vorurteilslos entdecken wollen, was in den geistigen Kornkammern von Kunst und Kultur der Region an humaner Substanz verborgen ist, was die – auf Schritt und Tritt – begegnenden Zeugnisse der Jahrhunderte ihnen über sich zu sagen haben und was die großartige Natur und nicht zuletzt die hiesigen Menschen – immer auch Erben und Reflexe der reichen Vergangenheit – erfahren lassen.

Unbescheiden wäre es, wollte man als Resul­tat solchen Wanderns gleich den Zustand wünschen, der sich in den Worten spiegelt, die der für den Bau der Wieskirche verantwortliche Abt Marianus Mayer begeistert in ein Glasfenster ritzte: „Hoc loco habitat fortuna, hic quiescit cor.“, das heißt: „An diesem Ort wohnt das Glück, hier kommt das Herz zur Ruhe.“ Darin lag ja auch eine provozierende Vorwegnahme, klangen dem Urheber der Zeilen doch sicherlich die ­Worte des ­großen Gott- und Wahrheitssuchers ­Augustinus im Ohr: „Inquietum cor nostrum, donec requiescat in te. – Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“ Uns lässt der Augustinus-Satz, der am Anfang seines Rückblicks auf Jahrzehnte voller Um- und Irrwege steht, einerseits erkennen, dass die Wege, die wir zu gehen haben, länger sein können als die in den Ammergauer Alpen angebotenen. Andererseits verweist er auf den Ausgangspunkt, den Mangel, aus dem man herauskommen möchte: dass man unruhig, nicht mit sich im Reinen, nicht im Vollsinn selbst-bewusst ist, weder fähig ganz bei sich selbst noch für andere noch gar für den ganz Anderen da zu sein. Kann es da helfen, sich auf den Weg durch die Berge zu machen?

Ganz sicherlich helfen generell Aus-Zeiten, Momente des Urlaubs vom Alltag, ähnlich den Augenblicken, da der Maler von der Staffelei zurücktritt, um einen Arbeitsabschnitt zu überprüfen. Dass sich die – relativ gesehen – abgelegenen Täler der Ammergauer Alpen zu entsprechender Reflexion eignen, beweist schon die Ansiedlung der Klöster in diesem Gebiet, wie des in der Kerbe zwischen zwei Gebirgszügen liegenden Benediktinerklosters Ettal, dieser Einrichtung zur immer erneuten Orientierung am ­bethlehemitischen Fixstern und des Versuchs, die Erde an den Himmel zu heften. Dass diese wie andere Niederlassungen der Benediktiner und auch das Mutterkloster Monte Cassino auf Anhöhen errichtet wurden, lässt die Hoffnung der Ordensleute erkennen, solche Lage würde dem geistlichen Leben zuträglich sein. Lassen sich dafür Gründe finden?

Seltsam ist jedenfalls, dass wesentliche religiöse Akte auf Bergen bzw. im Gebirge stattfanden, Mose Dornbusch-Begegnung wie die Entgegennahme des Gesetzes im ­Sinai oder auch die Bergpredigt Jesu. Und ist nicht ­Jerusalem das Urbild einer Stadt auf dem Berge – kurioserweise auf gleicher Höhe über dem Meer gelegen wie Oberammergau! Wer von eigenen Erfahrungen im Gebirge ausgeht und etwa nur den Oberammergauer Kofel besteigt, erlebt, dass dabei der Alltag an Gewicht verliert und der Sinn für das Wesentliche zunimmt. Und je höher man kommt, desto weiter dehnt sich der Himmel. An das Unendliche zu rühren und selbst weit zu werden durch den Blick in die unermessliche Weite – ist das dann nicht eine Art religiöser Erfahrung? Nicht umsonst werden auf den Gipfeln ja auch Kreuze aufgestellt und Bergmessen gefeiert.

Gleichzeitig wird der Mensch in der Begegnung mit der Natur sich selbst zur Frage. Woher kommt es, dass wir die Natur schön finden? Dass sie uns anrührt? Inwiefern sind wir ein Teil von ihr und wiederum doch auch Anderes? Derartige Fragen bringen uns in den Bergen nicht nur körperlich, sondern auch geistig in Bewegung. Und sie haben Konsequenzen, möglicherweise die, die der Innsbrucker Altbischof Stecher mit den Worten beschreibt: „Viele Wege führen zu Gott. Einer geht über die Berge.“

Ganz anders plagten den ersten Europäer, der ohne irgendwelche praktischen Zwecke einen Berg bestieg, den Dichter Petrarca, heftige Selbstzweifel, als er am 26. April 1336 auf dem Gipfel des Mont Ventoux ankam. Er warf sich vor, über der Bewunderung der Schöpfung den Schöpfer vergessen zu haben, und holte zur Gewissensberuhigung die auf die Bergtour mitgenommene Lektüre ­hervor, die schon erwähnte Autobiographie des ­Augustinus. Betroffen stieß er auf den Satz: „Und es gehen die Menschen hin, zu bewundern die Höhen der Berge und die gewaltigen Fluten des Meeres und das Fließen der breitesten Ströme und des Ozeans Umlauf und die Kreisbahnen der Gestirne – und verlieren dabei sich selber.“ Wer nun Chancen und Gefahren der Berge richtig beurteilt, der ­Bischof oder Petrarca und Augustinus, das persönlich zu überprüfen bieten Wanderungen in den Ammergauer Alpen Gelegenheit.

Orte der geistigen, meditativen Auseinandersetzung können auch die kulturellen Wegstationen sein. Schon das Von-innen-her-Leuchten der Gesichter, z. B. auf ­Knollers Bild der Heiligen Sippe in der Ettaler Klosterkirche oder mancher Figuren der großen Krippe im Oberammergau Museum, ­bietet sich der Betrachtung an. Lohnenswerte Medi­tationsgegenstände sind auch viele Skulpturen, die eine Übersetzung spiritueller Haltungen in Gesten und Körperhaltungen zeigen, worin sich erkennen lässt, wie sehr hier der Glaube wahrhaft eingefleischt war. Auch am Oberammergauer Passionstheater wird der Wanderer nicht vorbeigehen, wo die faszinierenden Dokumente der Aufführungen die Vitalität des jahrhundertealten Erbes belegen. Grund für die Entstehung des Spiels war ja ein kollektives Katastrophen­erlebnis, eine Pestepidemie im Dreißigjährigen Krieg. Wie es aber dazu kam, dass man gegen den Tod mit einem Passionsspiel antrat, das gehört zu den Denkaufgaben, die man von Oberammergau mitnimmt.

Und die Begegnungen mit der einheimischen Bevölkerung – können auch sie zu Wegstationen des meditierenden Wanderers werden? Wenngleich nun auch das Paradies nicht an der Ammer liegt, besteht doch gute Aussicht, dass man hier freundlichen, herzlichen, kommunikationsfähigen und –bereiten Menschen begegnet. Wenn man solche Eigenschaften in einer gewissen Breite vorfindet, lässt sich durchaus darüber spekulieren, ob sie nicht die Frucht einer langfristigen, generationsübergreifenden Erziehung sind – ähnlich wie ein gepflegter englischer Rasen das Resultat der Arbeit von mehr als einer Generation darstellt. Sucht man nun im Ammertal nach langfristig wirkenden Kräften, stößt man auf die Rottenbucher Augustiner Chorherren.

Vom 12. Jahrhundert an, als ihnen die ­Welfen die Aufgabe der Seelsorge im ­Ammer­tal übertrugen, bis zur Säkularisation 1803 prägten sie die Spiritualität der Menschen dieser Region. Und bezeichnenderweise ­erscheint in fast allen Kirchen der Pfarreien, die sie betreuten, an hervorgehobener Stelle das zentrale Symbol dieser Gemeinschaft wie ihres Gründungsvaters: das brennende Herz.

Auch dieses Symbol lohnt der meditativen Aneignung! Auf den ersten Blick besagt es nichts anderes als das, was auch der Okto­berfestbesucher, der seiner Freundin ein Lebkuchenherz schenkt, zum Ausdruck bringen will: Ich mag dich, ich habe Sehnsucht nach dir, ich möchte bei dir sein. Es ist also ein Beziehungs- bzw. erotisches Symbol und steht als solches z. B. auch im Zentrum des spätmittelalterlichen französischen „Romans vom liebentbrannten Herzen“.

Allerdings liegen die Ursprünge der Rede vom Herzen viel weiter zurück. Es bedeutet schon in frühen orientalischen Zeugnissen, analog zur zentralen physiologischen Funktion des Körperorgans, psychologisch die lebendige Mitte des Menschen, die Wurzel alles Fühlens, Wollens, Urteilens, Handelns. Das Herz kann nach den Texten des Alten Testaments verhärtet, verstockt, verfinstert sein oder aber ein Organ feinster Wahrnehmung und gleichzeitig eine Quelle der Güte und liebender Zuwendung, vor allem wenn dem Menschen – wie es bei Hesekiel heißt – „das Herz aus Stein“ aus der Brust genommen und „ein Herz aus Fleisch“ gegeben wird. Über das Herz stellt sich – unter Menschen wie in der Gott-Mensch-Beziehung – eine geheimnisvolle Kommunikation her, die so weit gehen kann, dass es zur Wohnstätte des Anderen wird. „Du bist beschlossen in minem Herzen“ heißt es in einem Minnelied. Und wo der ­Andere fehlt, wächst im Herzen Sehnsucht, wo der Andere präsent ist, geschieht Verwandlung, Beseelung, Verlebendigung.

Verwundern kann aber schon, dass sich mit dem Bild des Herzens das Bild des ­Feuers verbindet. Vielleicht liegt die Erklärung einfach darin, dass sich bei manchen Emotionen, sei es Freude, sei es Verletzung, das Gefühl eines Brennens in der Brust einstellt. Sicherlich liegt aber zugrunde, dass ein zurückweisendes Verhalten immer als Kälte wahrgenommen wird, liebende Zuwendung als Wärme. In dieser Logik kommt es dann für eine gesteigerte Liebesenergie zum Bild der Flamme, des Feuers. Wenn man heute in einer Gesellschaft lebt, deren Kälte von der Literatur in zahllosen Bildern zunehmender Vereisung und Vergletscherung beklagt wird, wächst vielleicht auch ein Verständnis dafür, dass die Kirche eh und je betete, Gott möge in den Menschen „das Feuer seiner Liebe entzünden”.

Diese Zusammenhänge leuchten besonders in der Gestalt des Feuerkopfes Augustinus auf, des leidenschaftlichen Gott- und Menschen-Liebhabers, den auch der Ausspruch kennzeichnet: „Was du in anderen entzünden willst, muss in dir selbst brennen.“ Dass ihm mit Recht das brennende Herz als Symbol beigegeben wird, bestätigt auch seine ­Theorie einer naturgegebenen Herzens­begabung zum Lieben: „Außer der Wahrheit verbirgt sich im Inneren des Menschen jene geheimnisvolle Kraft zu lieben, die ihn wie ein Gewicht von sich weg zu den anderen und vor allem zum Höchsten hinzieht. Das Gewicht der Liebe macht den Menschen von seiner Natur her sozial.“

Wenn jetzt in den Ammergauer Alpen das Symbol des brennenden Herzens als Wegzeichen den Wanderer begleitet, soll man sich dann wünschen, dass einige Funken des ­Augustinischen Feuers auch in dem meditierenden Wanderer aufglimmen oder auf­flackern, dass also der Gewinn des Wanderns in einem Zugewinn an Liebesenergie läge? Eine Antwort auf diese Frage setzt vielleicht ­voraus, dass man sich der Unterschiede in den Traditionen des Meditierens bewusst wird. Während eine östliche Tradition eher in die Richtung weist, die ungeordneten Triebkräfte des Herzens „herunterzudimmen“ und sich von ihnen zu entleeren, geht die in unserem Kulturkreis in den letzten zweitausend Jahren entwickelte tendenziell dahin, die Ener­gien zu personalisieren, ihnen eine Richtung zu geben in der polaren, dialogischen Spannung zwischen dem Ich und einem personalen Anderen. Die Wirkung kann durchaus gesteigerte Lebenslust und Freude sein. Wenn man z. B. auf dem Hochaltarbild der Pfarrkirche die brennenden Herzen der wohlgemuten Oberammergauer anschaut, dann schweben diese – auf einem Tablett von einem Engel getragen – himmelwärts auf die freundlich herabblickende „Himmelsmama“ und ihren Sohn zu. Diese Verbildlichung des liturgischen „Sursum corda!“ – „Empor die Herzen!“ hat dabei etwas von der übermütigen ­Geste, mit der der Bursch seinen Hut in die Luft wirft, oder auch etwas von dem generösen „Sein-Herz-über-den-Graben-Werfen“, wie es in Ella Fitzgeralds „Baby, take all of me“ zum Ausdruck kommt. Ein von solchem Geist beseelter Wandernder könnte im Stil seiner Eichendorffschen Vorfahren frohgemut und dankbar fürbass schreiten, das Lied im Ohr oder auf den Lippen: „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, / den schickt er in die weite Welt; / dem will er seine Wunder weisen / in Berg und Wald und Strom und Feld.”

Ob nun dem real wandernden Gast eine solche Vorstellung zusagt, ist freilich auch eine Frage des Stils und der Musikalität. Auf alle Fälle darf man ihm wünschen, dass beim Unterwegssein im Abseits, in Momenten der Stille, wo alle akustische Umweltverschmutzung und alle Störgeräusche der Welt verstummen, das Ohr geschärft wird für die Klopftöne des Herzens.